Beitrags-Archiv für die Kategory 'Bär Aktuell'

Ausgabe Nr. 65

Donnerstag, 15. Mai 2008 9:25

Nicht jeder taugt zur Kultfigur, sondern bringt es in der Presse allenfalls zu einer Erwähnung auf der letzten Seite unter „Aus aller Welt“, so der sächsische Heiratsschwindler Franz Ficker (53), über den die Medien sich bemüßigt fühlen zu betonen, er hieße wirklich so. Gewiss ist dies ein angemessener Nachname für einen Heiratsschwindler, womit sich einerseits der Grundsatz „nomen est omen“ bewahrheitet, zum anderen die Vermutung Nahrung erhält, der gute Mann habe seinen Charme nicht allein mit seinem sächsischen Dialekt entfaltet, um die dahinschmelzenden Damen um fünfstellige Summen zu erleichtern, mit denen er sich dann bei Nacht und Nebel davonmachte, um in den geheimnisvollen Tiefen des Sachsenlandes unterzutauchen, bis das Geld aufgebraucht war und der Charmeur dann sein nächstes Opfer becircte. Alsdann steuert die Geschichte ihrer eigentlichen Pointe zu, als nämlich Franz Ficker als notorischer Wiederholungstäter zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde und eine Ladung zum Strafantritt erhielt, auf der allerdings irrtümlich die Adresse eines Frauengefängnisses angegeben war. Brav und vielleicht sogar mit einer gewissen Vorfreude meldete er sich an der Gefängnispforte zum Haftantritt, doch dort wies man ihn barsch ab, und der Gefängnisdirektor schrieb irritiert ans Justizministerium, ein Frauengefängnis sei wohl nicht der richtige Ort, um dort einen rechtskräftig verurteilten Heiratsschwindler seine Strafe verbüßen zu lassen. Die Gefahr, dass der Mann dort rückfällig würde, sei zu groß, was man schließlich wohl auch im sächsischen Justizministerium eingesehen haben mag. Es gehen wohl nicht nur in Bayern, sondern auch in Sachsen die Uhren ein wenig anders, oder um es für die Bildungsbürger unter den geneigten „bär aktuell“-Lesern einmal auf Latein auszudrücken: Tu felix Saxonia nube (übersetzt: Du glückliches Sachsen heiratest).

Was sonst noch in der Zeitung stand: Ein Polizist, seines Zeichens Spezialist für die Anfertigung von Phantombildern flüchtiger Verbrecher, beklagte sich kürzlich, unter einem „etwa sechzigjährigen Mann mit weißen Haaren und randloser Brille“ stelle sich jeder Zeuge etwas anderes vor. Nach solch unpräzisen Angaben ein Phantombild zu erstellen, sei äusserst schwierig. Wenn der Zeuge jedoch behaupte, der flüchtige Tatverdächtige sähe aus wie Franz Beckenbauer, dann könne man als Phantombildspezialist eher etwas damit anfangen. Die Zeugen mögen sich das doch bitte schön zu Herzen nehmen, was sie dann wohl auch taten. Denn jetzt wundert sich Franz Beckenbauer, wie oft sein Gesicht neuerdings auf polizeilichen Fahndungsplakaten zu sehen ist.

Hilfreich für präzisere Auskünfte an den Phantombildzeichner ist auch das allerdings nicht. So antwortete jüngst eine der geprellten Damen in Sachsen auf die Frage, ob sie den flüchtigen Heiratsschwindler Franz Ficker beschreiben könne: „Ach, ich weiß nicht. Diese Heiratsschwindler sehen ja irgendwie alle gleich aus. Also… so ähnlich wie Franz Beckenbauer“. Überführt wurde Franz Ficker schließlich nicht durch das Phantombild, sondern anhand seines sächsischen Dialekts, worüber Franz Beckenbauer wiederum erleichtert aufatmete.

Bärs Berufstipps für Nichtskönner Strebten verkrachte Existenzen früher gerne in die Gastronomie („Wer sonst nichts wird, wird Wirt“), so beweisen in unseren Tagen Ronald Pofalla und Erwin Huber täglich aufs Neue, dass man auch mit Kurzauftritten in der Tagesschau in der Paraderolle als christdemokratische Knallcharge (Pofalla) oder als unbedarft-linkisch wirkender Biedermann (Huber) in der Politik noch was werden kann. Man muss eigentlich nur wissen, dass das karrieretechnisch wirksame parteiinterne Ritual immer noch „Kandidatenaufstellung“ und nicht auf neudeutsch „Casting“ heißt. Bei Pofalla kann man sich immerhin noch vorstellen, wenn er Wirt geworden wäre, würde er beim Servieren dauernd tolpatschig das Bier verschütten. Wer für beide Berufe, nämlich Politik und Schankwirt, zu dämlich ist, der kann indessen immer noch „Kurator“ werden. Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung, weshalb man im heutigen Kunstbetrieb vermehrt illustre Zeitgenossen antrifft, denen keinerlei kunstwissenschaftliche Vorkenntnisse abverlangt werden, sofern sie nur ein klein wenig glamouröser als Erwin Huber wirken und beim Vernissagen-Small Talk nicht dauernd das Bier verschütten, so wie Ronald Pofalla in Herrn Bärs amüsanter Vorstellung von Pofalla in der Rolle eines ungeschickten Schankwirts, der an seinen eigenen Ansprüchen des schlabberfreien Tragens eines Tabletts voller Biergläser scheitert und solchermaßen zu einer ähnlich tragikomischen Witzfigur wird wie ein eitler Kunstbetriebs-Narr, der von Insidern als fachlich völlig ahnungsloser Ausstellungskurator belächelt wird, dem es selbst aber in seiner verblendeten Selbstwahrnehmung gleichwohl nie einfiele, sich mit Ronald Pofalla vergleichen zu wollen, und der sich dafür nicht von Dieter Bohlen, wohl aber von Herrn Bär verhöhnen lassen muss.

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Ausgabe Nr. 64

Mittwoch, 16. April 2008 11:10

Eltern, die zur Schrulligkeit neigen, müssen sich nicht wundern, wenn ihre Kinder später darunter zu leiden haben, auf allzu seltsame Vornamen getauft worden zu sein. Solch ein reichlich verschrobenes Elternpaar im Süddeutschen hat sich die Marotte zugelegt, allen seinen Kindern mindestens vier Vornamen zu verpassen. Das erste Kind heißt somit Caris-Celina-Yasmin-Naomi, und die Namensgebung ist das Ergebnis einer anscheinend ziemlich wohlüberlegten und höchst zähen Auswahl aus dem Namensregister, wofür die Eltern nämlich sage und schreibe volle drei Jahre brauchten, bis sie alle vier Namen beisammen hatten und der Eintrag ins Standesamtsregister endlich vollzogen werden konnte.

Das zweite Kind bekam dann allen Ernstes die Namen Lara-Latizia-Tifany-Alisa verpasst, und die Eltern betonen stolz, ihre Kinder würden sie auch mit allen Vornamen rufen: „Lara-Latizia-Tifany-Alisa, du sollt es sein lassen! Caris-Celina-Yasmin-Naomi, mach dich nicht schmutzig!“ Unlängst wurde nun das dritte Kind geboren, und man ahnt es, die absonderlichen Eltern haben sich 14 Monate nach der Geburt immer noch nicht auf alle vier Vornamen einigen können. „Karl-Gutfried-Jonathan-Lorenz“ kommt grundsätzlich nicht in Frage, dann würden im Kindergarten oder in der Schule die Altersgenossen das Kind womöglich „Kalli“ rufen, wovor die Eltern sich zutiefst grausen. Rainer Calmund heißt zwar nicht „Karl“ mit Vornamen, trägt aber trotzdem den Spitznamen „Calli“, und das wäre wohl selbst dann der Fall, wenn er Rainer-Gutfried-Jonathan-Lorenz Calmund hieße. Abschreckend ist aus Sicht der geplagten Eltern ebenfalls das Beispiel von Hans-Hubert Vogts, der als Fußballtrainer selbst im fortgeschrittenen Alter von 60 Jahren von der Presse immer noch als „Berti“ apostrophiert wird. Paris Hilton ist angeblich nach dem Ort benannt, an dem sie gezeugt wurde, aber wer sein Kind nach diesem Prinzip dann „Offenbach-Biblis-Rüsselsheim-Aschaffenburg“ nennt, der lässt durchblicken, dass bei der Planung seiner Flitterwochenreise die Romantik gewiss nur eine geringe Rolle gespielt hat, wie jeder bestätigen kann, der mal eine Hochzeitsreise nach Rüsselsheim gemacht hat.

Die Tendenz geht daher bei dem dritten Kind des wunderlichen Elternpaares derzeit in Richtung „David-Laurin-Rafael-Julian“, doch einig sind die Eltern sich bisher nur in Sachen „David“, wie die Presse zu wissen glaubt. Immerhin. Die drei anderen Namen sind also noch völlig offen, da nämlich bei Julian immerhin die große Gefahr bestünde, dass die Nachbarskinder beim Fußballspielen einfach abkürzenderweise „Juli, gib den Ball her“ über den Bolzplatz brüllen. „August“ ginge auch nicht, da man hier weniger an den römischen Kaiser als Namenspatron des Sommermonats denkt, sondern an die Clownsfigur des „dummen August“ im Zirkus, wobei aber heute kaum noch einer weiß, dass Kaiser Augustus dem Februar einen Tag geklaut und jenem Monat angehängt hat, der seinen Namen trägt, so dass nicht nur der Juli, sondern ebenso der darauffolgende Monat August 31 Tage haben. So etwas zu wissen hilft jedoch bei der Namensgebung für den Nachwuchs allerdings nicht wirklich weiter.

Weil jedoch nach Vorschrift der Behörden ein Eintrag beim Standesamt bereits vier Wochen nach der Niederkunft erfolgt sein muss, bekam das wunderliche Elternpaar inzwischen diverse Zwangsgeldbescheide zugestellt und zudem den behördlichen Rat erteilt, sie mögen doch bitteschön mal eine psychosoziale Beratungsstelle aufsuchen, worauf dem Vater schwante: „Die meinen, wir sind nicht ganz dicht“.

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Ausgabe Nr. 63b

Samstag, 22. März 2008 0:34

Nicht immer ist es sinnvoll, sich dem technischen Fortschritt zu verweigern Dies musste jener alternde Mafioso in Italien erfahren, dem es als zu unsicher erschien, seine Mordaufträge per e-mail oder mit dem Handy zu erteilen. Dass Handys leicht geortet werden können, weiß ja heutzutage auch der dümmste Kriminelle. Also –so war kürzlich einem Zeitungsbericht zu entnehmen – kaufte sich der Mafiaboss auf dem Flohmarkt eine alte mechanische Schreibmaschine („Olivetti“ war einst der berühmteste Schreibmaschinenhersteller Italiens gewesen!). Allerdings war bei dieser Schreibmaschine die Type mit dem „o“ beschädigt, d.h. immer wenn der Mafioso beim Erteilen seiner Mordaufträge ein „o“ tippte, haute die Type ein rundes Loch ins Papier. Bekanntlich enthält die italienische Sprache sehr viele Vokabeln mit „o“, etwa in „O sole mio“ oder in „Spaghetti alio e olio“, oder auch in „Mafioso“. Wenn der Auftragskiller schließlich den Brief seines Bosses in Händen hielt, war dies ein Stück Papier mit lauter kleinen runden Löchern, die aussahen wie Pistolenschüsse winzigen Kalibers. Der Auftragskiller dachte sich, der Mafioso habe eine Pistolenschuss-Marotte, doch dabei war an dessen alter Schreibmaschine vom Flohmarkt nur das „o“ kaputt.

Wie kam nun die Polizei dem Mafioso auf die Schliche? Nun ja, der Auftragskiller neigte zur Nachlässigkeit. Er warf den durchlöcherten Brief mit dem Mordauftrag einfach in der Nähe seines Opfers weg, weil er sich dachte, der Auftrag sei nun erledigt, und er bräuchte die Anweisung dazu nicht mehr. Wenige Tage später löste „Kommissar Zufall“ den Fall, als der Mafioso einen Beschwerdebrief an die Polizei schrieb: „Hiermit lege ich gegen den Bußgeldbescheid wegen Falschparkens Widerspruch ein!“ Immer da, wo ein „o“ sein sollte, z.B. im falsch geschriebenen Wort „Bossgeld“ und im ebenso fehlerhaften „Widersproch“, war ein kleines rundes Loch im Papier… Mittags saß der Leiter der Bußgeldstelle in der Kantine des Polizeipräsidiums zufällig mit „Kommissar Zufall“ am selben Tisch und erzählte: „Also, Sachen gibt’s… da hat irgendso ein Opa einen Beschwerdebrief mit einer alten Schreibmaschine geschrieben. Toll! Wann kriegt man im Zeitalter des Computers so was noch mal zu sehen?“ Und sie schwärmten nostalgisch von den guten alten Zeiten, als sie im Polizeipräsidium ihre Protokolle noch mühsam auf alten klappernden Schreibmaschinen abgetippt hatten. „Dieses Klingelgeräusch, wenn die Zeile zu Ende war, das hatte doch was Poetisches! Das fehlt einem ja bei den modernen Computern!“ – „Ja, da haben Sie recht, aber das Schriftbild! Da ist der Computer schon besser. Wir hatten damals im Kommissariat eine Schreibmaschine, da war das ‚e’ immer verdreckt, und beim ‚s’ blieb die Type immer hängen. Und bei diesem Beschwerdebrief, da ist das ‚o’ kaputt…“ – „Was sagen Sie da, Herr Kollege? Das ‚o’ ist kaputt? Hm, hm, merkwürdig… wie heißt denn der Absender des Briefes?“ Der fortschrittsfeindliche Mafioso wundert sich in seiner Gefängniszelle noch immer, wie sie ihm auf die Schliche gekommen sind…

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Ausgabe Nr. 63

Montag, 18. Februar 2008 10:01

Von Erbsenzählern und Briefmarkensammlern Was macht eigentlich der Präsident der Bundesanstalt für Ernährung den ganzen Tag? Entwickelt er etwa neue Rezepte für einen „Deftigen Gemüseeintopf à la Horst Seehofer“ oder stellt er mit Fortüne und Raffinesse ein Menü für ein Staatsbankett zusammen? Mitnichten! Der Präsident höchstselbst macht die Endkontrolle beim Erbsenzählen. Damit wir genau wissen, wie viele Erbsen im EU-weiten Statistik-Vergleich in einer Konservendose sind. Das Erbsenzählen selbst haben rumänische Leiharbeiter übernommen, die sind billiger als einheimisches Personal. Die Endkontrolle bei der Gesetzgebung macht bekanntlich der Bundespräsident, und schon werden Rufe laut, man möge sich die betriebswirtschaftlich effiziente Personalpolitik der Bundesanstalt für Ernährung zum Vorbild nehmen und unsere Bundestagsabgeordneten durch rumänische Leihparlamentarier ersetzen, die seien billiger. Oder man verlegt den Bundestag gleich nach Rumänien, womöglich gäbe es dafür auch noch Subventionen.

Ziemlich blöd hat sich ja der Post-Chef Klaus Zumwinkel angestellt. Für das Geld, das er mutmaßlich und heimlich nach Liechtenstein geschleppt haben soll, weswegen er nun nicht mutmaßlich, sondern real die Steuerfahndung an der Backe hat, hätte er sich doch lieber eine Briefmarkensammlung zugelegt. Aber Hand aufs Herz: Kann man sich allen Ernstes vorstellen, dass ein dynamisches Alpha-Wesen wie Klaus Zumwinkel abends brav und lammfromm zu Hause sitzt und sich gemütlich mit der Lupe seine Briefmarken anschaut, während zur gleichen Zeit seine nicht den Hals voll kriegenden Kollegen aus der Managerkaste in eisiger tiefschwarzer Nacht auf holprigen alpinen Schmugglerpfaden ihre schweren Geldkoffer über die liechtensteinische Grenze schleppen, und wenn sie dann trotz der Kälte durchgeschwitzt und kurzarmig nach all der Plage mit der Schlepperei quer übers Gebirge, hundemüde, mit schweren Beinen und mit einem gehörig schmerzenden Muskelkater in den Armen endlich die Geldwaschanlage erreicht und eine Kontonummer bekommen haben, dann erscheint ihnen dieser Ort als das wahre Paradies auf Erden (deswegen heißt es umgangssprachlich auch „Steuerparadies“). Aber Briefmarkensammeln, das tut ja nur der gemeine Schalterbeamte bei der Post (er sitzt ja an der Quelle), nicht jedoch das drahtig-dynamische Personal in der Führungsetage, die spielen lieber Golf oder kreuzen mit ihrer Segelyacht über die Bigge-Talsperre. Briefmarkensammeln ist denen viel zu popelig.

So ist es denn auch kaum vorstellbar, dass nach Feierabend ausgerechnet der markige Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn zu Hause auf dem Bauch liegt und im Wohnzimmer versonnen mit einer Märklin-Eisenbahn spielt. Wahrscheinlich muss der Mehdorn stattdessen im Haushalt mithelfen und seiner Frau beim Erbsenzählen zur Hand gehen, denn die sogenannten Top-Verdiener gelten ja als geizig und misstrauisch. Sie leiden fürchterlich unter der Paranoia, man würde sie dauernd bescheißen: so enthielte zum Beispiel eine Konservendose viel weniger Erbsen als auf dem Etikett angegeben, da müsse man immer gewissenhaft nachzählen. Das ist natürlich blanker Unsinn. Schließlich gibt es ja eine Endkontrolle beim Erbsenzählen in der Bundesanstalt für Ernährung. Aber in diesen Kreisen glaubt man allen Ernstes an solche Bescheiß-Nummern. Der Klaus Zumwinkel z.B. soll sich von seinen Liechtenstein-Touren jedes Mal eine Palette Erbsendosen mitgebracht haben, weil die erstens dort billiger sind und weil man in seinen Kreisen glaubt, die Liechtensteiner hauen einen nicht übers Ohr, was die Zahlenangabe über die Erbsen in der Dose angeht. Aber dass der Zumwinkel dann aus alter Gewohnheit die Palette mit Erbsendosen auch noch nachts über einen holprigen Schmuggelpfad nach Deutschland geschleppt haben soll, das hat sich als Falschmeldung entpuppt.

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Ausgabe Nr. 62

Montag, 21. Januar 2008 15:13

Wann immer es dem Verfall der Sitten Einhalt zu gebieten gilt, ist der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner nicht weit. Damit es an den derzeitigen tollen Tagen in Köln nicht auch noch zu einer Ballermannisierung katholischer Gottesdienste kommt, besorgte der Kirchenfürst jüngst eine „Aktualisierung“ der erzbischöflichen „Handreichung zu Brauchtums- und Mundartmessen“, die einer seiner Vorgänger 1979 erlassen und die Meisner in seiner Neufassung jetzt „ausführlicher“ kommentiert hat. So findet der Kardinal, es sei „unangebracht“, in einem Karnevalskostüm zum Gottesdienst zu erscheinen. Das ist ja noch einsichtig. Herr Bär stellt sich vor, da würde sich einer als Kardinal verkleiden, und dann ist er beim Hochamt womöglich vom echten Meisner nicht mehr zu unterscheiden. Womöglich erklimmt der verkleidete Narr dann noch die Kanzel und erzählt der Gemeinde Kardinal-Meisner-Witze: „Dä Meisner hätt sich jetzt ein Doppelbett jekauft, damit dä sich auch zu Hause quer legen kann.“ Doch dem schob der Oberhirte rasch einen Riegel vor: Eine Predigt dürfe zwar auf kölsch abgehalten werden, aber, so mahnt der Kardinal, „das schlechte Gegenbeispiel wäre eine mundartliche Predigt, die von einer Büttenrede nicht zu unterscheiden ist“. Also doch keine Kardinal-Meisner-Witze von der Kanzel! Nun gleichen sich Bütt und Kanzel allerdings nicht nur rein zufällig von der Form her, wie auch die karnevalistischen Umzüge ursprünglich ja wohl eher Persiflagen auf kirchliche Prozessionen waren und erst seit dem 19. Jh. Parodien auf Militärparaden sind. Der rheinische Diakon Willibert Pauels, im Nebenberuf Büttenredner, verweist gerne darauf, dass die Pfarrer früher in ihre Osterpredigt immer einen Witz einbauten und so bei der Gemeinde ein die Seele befreiendes „Osterlachen“ auslösten.

Deshalb kann Herr Bär durchaus nachvollziehen, dass an der Kirchenbasis über die Strenge des Kardinals bisweilen ein wenig gemurrt wird. So ließ sich Gerhard Herkenrath, Pfarrvikar an St. Alban, im „Kölner Stadtanzeiger“ mutig zitieren, er fände das erzbischöfliche Liturgie-Papier „etwas kleinkariert“. Und Hans A. Fey, der „Baas“ (Vorsitzende) des Köln-Ehrenfelder Arbeitskreises „Mess op kölsch“, kommentierte süffisant, er habe die Richtlinien „zur Kenntnis genommen“; im übrigen wisse der Arbeitskreis sehr wohl, wo die Grenzen des guten Geschmacks lägen: z.B. den Bläck-Fööss-Evergreen „Drink doch ene met“ als „Kirchenlied zur Opferung“ singen zu lassen, das wäre wohl „nicht die richtige Form“.

Derweil barmte die „BILD-Zeitung“, es sei doch wohl höchst zweifelhaft, ob die beiden Nachwuchs-Eisbären „Flocke“ und „Knut“ sich eines Tages tatsächlich zum „Traumpaar der Tierwelt“ zusammenfänden, denn der Berliner Eisbärenknabe Knut sei „womöglich schwul“, weil er zu sehr „auf seinen Pfleger fixiert“ sei; er könne daher mit dem Nürnberger Eisbärenmädchen Flocke „ überhaupt nichts anfangen“.

Ein kritischer Tierforscher setzte noch einen drauf und verkündete, die Handaufzucht im Zoo habe aus Knut sogar einen „Psychopathen“ gemacht. Kaum geisterten die Fotos von der am Fläschchen nuckelnden „Flocke“ durch die Gazetten, machte sich in der Redaktion des Berliner „Tagesspiegel“ eine düstere Stimmung breit. Den Berlinern begannen die Gefahren einer geografischen Verlagerung des lokalen Eisbären-Hypes heraufzudämmern, d.h. sie begannen um den Verlust der medialen Aufmerksamkeit samt kommerzieller Nebeneffekte wie Fanartikel-Merchandising von Berlin nach Nürnberg zu fürchten, und deshalb befand der „Tagesspiegel“ in einem Kommentar barsch, „Flocke“ könne doch wohl gegen Knut „nicht anstinken“.

Ist also aus dem Berliner „Knuddel-Pionier“ („Tagesspiegel“) und „possierlichen Petz“ („Der Spiegel“) tatsächlich ein „Psychopath“ geworden? Fest steht bis jetzt immerhin nur, dass der zunächst recht genügsame Knut exakt zu jenem Zeitpunkt gefräßig geworden sein soll, als der schwergewichtige Umweltminister Sigmar Gabriel als Pate in sein Gehege stapfte. Und so fehlte in kaum einem Zeitungskommentar der launige Kalauer, als der mollig gewordene Knut jüngst satte 120 kg auf die Waage brachte, habe er mit seinem Paten Sigmar Gabriel gewichtsmäßig endlich gleichgezogen.

Da kann wirklich man nur dankbar sein, dass Roland Koch bislang noch nicht auf die Idee kam, als Gag im hessischen Landtagswahlkampf die Patenschaft über „Flocke“ übernehmen zu wollen. Wer weiß, was dann aus dem Nürnberger Eisbären geworden wäre. Ein gefräßiges Monster? Immerhin wird kolportiert, manche hessischen Eltern pflegten allen Ernstes ihren Kindern damit zu drohen, wenn sie ihren Teller nicht leer äßen, käme sie „der Roland Koch holen“. Taugt so ein Kinderschreck als Pate und Vorbild für die Eisbärenjugend? Wohl kaum. Da müsste man sich nicht wundern, wenn „Flocke“ später mal ihre Babys auffrisst. Bloß, damit sie nicht der Roland Koch holen kommt.

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Ausgabe Nr. 61

Donnerstag, 20. Dezember 2007 13:06

Verarmungsängste und sprachliche Fehlleistungen

Verarmungsängste ließ Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn durchscheinen, und zwar mit seiner Antwort auf die Frage, ob die deutschen Manager zu viel verdienten. Mehdorn bejahte die Frage nämlich keineswegs, sondern er quittierte sie einigermaßen störrisch und mit dem in seinen Kreisen üblichen Gejammer, er jedenfalls bekäme drei Viertel seines Gehaltes nur erfolgsorientiert ausgehändigt. Würde der DB-Aufsichtsrat aber tatsächlich jedes Mal, wenn in den Bahnhöfen eine Rolltreppe defekt ist, der Aufzug zum Bahnsteig nach schalem Bier oder Urin stinkt, und außerdem die Züge Verspätung haben (Standardausrede: „Wegen einer Betriebstörung“) dem verantwortlichen Ober-Boss Hartmut Mehdorn gnadenlos bei jeder Panne 100 Euro von seinem Gehalt abziehen, dann könnte der sich wahrscheinlich kein warmes Mittagessen mehr leisten und würde stattdessen bei der Bahnhofsmission um einen Teller Suppe anstehen müssen. Oder er würde nach Feierabend auf irgendwelchen Senioren-Butterfahrten den Insassen eines Ausflugsbusses Heizdecken aufzuschwatzen versuchen. Aber Hand aufs Herz, wer würde Hartmut Mehdorn schon eine Heizdecke abkaufen? „Die funktioniert bestimmt genauso wenig wie die Rolltreppen auf Ihren Bahnhöfen!“ bekäme er dann nämlich zu hören, oder vornehm ausgedrückt: Auch Mehdorns Heizdecken unterstellte man dann eine „Betriebsstörung“.

Einem Marketing-Deppen kam der bizarre Einfall, die „Zielgruppe“ der knapp über Fünfzigjährigen neuerdings als „junge Senioren“ bezeichnen zu müssen, weil das eben (noch) nicht nach „Heizdecken-Generation“ klingt, sich aber dennoch reichlich bekloppt anhört, ebenso wie die sprachliche Beschönigung des Wortes „Unterschicht“ durch die gleichbedeutende Vokabel „Prekariat, was allerdings manche Politiker schon zu dem fatalen Irrglauben verleitete, in Deutschland gäbe es gar keine „Unterschicht“, sondern nur ein „Prekariat“.

Herr Bär trauert derweil dem unnachahmlichen Edmund Stoiber nach, denn in höchstem Maße irrlichternd war doch dessen Erklärungsversuch zum Sinn der geplanten Transrapid-Verbindung vom Münchener Hauptbahnhof zum Flughafen, der hier noch mal im O-Ton ungekürzt zitiert wird: „Wenn Sie vom Flug, vom Hauptbahnhof starten. Sie steigen in den Hauptbahnhof ein. Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen. Dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München.“ Irgendwie ist es doch schade, dass der Mann jetzt weg vom Fenster ist, denn sein Nachfolger Günter Beckstein fiel bislang nur durch den Versuch auf, handfesten Realitätssinn zu demonstrieren: Schon bevor er in die Politik gegangen sei, habe er, Beckstein, gewusst, dass man dort nicht reich werden könne, was sich freilich ein bisschen masochistisch anhörte, so dass Herr Bär nun bangt, auch Günter Beckstein fände sich womöglich demnächst zur Suppenausgabe bei der Bahnhofsmission ein, oder er müsse ebenfalls nebenher Heizdecken an „junge Senioren“ verkaufen, um mit seinem kargen Gehalt als bayerischer Ministerpräsident einigermaßen über die Runden zu kommen.

Da hat es Boris Becker schon besser, der von Event-Agenturen als VIP der Kategorie „A“ geführt wird und daher beim Münchener Oktoberfest im Zelt von „Feinkost Käfer“ am Promi-Stammtisch Platz nehmen darf, gleichwohl gerade dort einem TV-Reporter verriet, jeden Abend würde er sich das nicht antun wollen, während Hartmut Mehdorn das Münchner Oktoberfest wohl vor allem deswegen meidet, weil man ihn sonst ausgerechnet dort andauernd fragen würde: „Sagen Sie mal, wieso riecht es in den Aufzügen zu Ihren Bahnhöfen eigentlich immer so nach schalem verschütteten Bier?“ Im Vergleich zum Gegröle auf dem Oktoberfest ist die Bahnhofsmission zwar ein ruhigerer Ort, aber auch dort wäre Mehdorn beim Suppelöffeln vor kritischen Fragen nicht sicher, weshalb man eigentlich annehmen müsste, er würde alle Anstrengungen unternehmen, den erfolgsorientierten Teil seines Gehaltes in voller Höhe ausbezahlt zu bekommen. Herr Bär jedenfalls beantwortet die Frage, ob deutsche Manager zu viel verdienen, uneingeschränkt mit „Ja“.

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Ausgabe Nr. 60

Donnerstag, 22. November 2007 15:56

Bärs Bestatterkritik Worin lässt der verblichene Fußballfan seine Asche bestatten? Natürlich in einer Urne in Form eines Fußballs, wie sie diverse Kölner Bestatter derzeit in ihrem Schaufenster stehen haben, darunter auch der wackere Christoph Kuckelkorn, der mit dem Umzug ein paar Häuser weiter in seinem neuen Beerdigungsinstitut dort nun auch einen „Domsaal“ in Betrieb genommen hat, in welchem derzeit ein „Kulturherbst“ mit allerlei erbaulichen Auftritten wie Lesungen, Gesangseinlagen etc. geboten wird. Damit kontert Kuckelkorn die „Filmnacht des Todes“, mit der sein ärgster Konkurrent Pütz-Roth das Publikum in sein „Haus der menschlichen Begleitung“ zu locken versucht. Der Inhaber von „Pietät Medard Kuckelkorn“ wiederum ist zugleich künstlerischer Leiter des Kölner Rosenmontagszuges, welcher offensichtlich einiges an Inspirationen für die kulturherbstlichen Umtriebe im Bestattergewerbe zu bieten hat. So ließ der besagte Konkurrent Pütz-Roth schon mal die Karnevalsband „Bläck Fööss“ auf seinem Firmengelände auftreten, was aber nicht allzu abwegig ist, denn wenn man einen munteren Klatschmarsch in Moll spielt, hört sich das für die kölsche Seele bereits fast wie ein richtiger Trauermarsch an.

Weniger als süffisanter Kommentar zur bestattungsrituellen Fußballurne, sondern als humoristischer Beitrag zum 11.11. war die Bemerkung von Markus Ritterbach gedacht, seines Zeichens Präsident des Festkomitee Kölner Karneval, der in der 2. Bundesliga dahindümpelnde 1. FC Köln möge doch sein Maskottchen, einen Geißbock namens „Hennes“, lieber durch einen Elefanten ersetzen, der brächte der unbeholfen über den Stadionrasen stolpernden Mannschaft vielleicht etwas mehr Glück. Wo ist nun die Pointe? Nun, es gibt offensichtlich keine. Deswegen konnte auch Herr Bär nicht darüber lachen, und Herr Bär bangt nun dem Verlauf der restlichen Karnevalssession einigermaßen skeptisch entgegen. Immerhin heimste Ritterbach mit diesem merkwürdigen Einfall in der Lokalpresse die fettgedruckte Schlagzeile „Festkomitee-Chef mobbt Hennes“ ein. Offensichtlich ist nicht das Fernsehen allein an der oft beklagten Verflachung des Karnevals schuld, sondern bereits der eine oder andere Obernarr höchstselbst.

Unfreiwillig ulkig, aber keineswegs geistreich gebärdet sich der Marketingleiter eines Möbelhauses, dessen Einfall für die Artikelbezeichnung „Speisezimmer Laura“ ja noch einigermaßen hinnehmbar ist, während der Name „Eckkleiderschrank Impuls“ jedoch schon reichlich daneben klingt und die Etikettierung einer „Küchenzeile“ als „Nobilia Sprint“ nun wirklich völlig neben der Kappe ist. Damit haben sich die Ideen des Marketingchefs freilich auch bereits erschöpft, denn bei der weiteren Auflistung des Sortiments hat es bei ihm nämlich nur noch zur Variante einer bereits längst verwendeten Bezeichnung gereicht, nämlich zur „Küchenzeile Impuls 5000“. Dagegen sind die Elefanten-Witze von Markus Ritterbach wirklich ein Kracher.

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Ausgabe Nr. 58

Montag, 22. Oktober 2007 12:27

Eine ziemliche Schnapsidee war mit Sicherheit das Ansinnen der Familienministerin Ursula von der Leyen, Kinder als Testkäufer loszuschicken, um die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes zu überprüfen. Herr Bär stellte sich vor, wie die Kinder der Ursula von der Leyen als Tester in einem Kiosk die Bestellung aufgeben:

 

„Eine Flasche Schnaps bitte!“

Fragt der Kioskbesitzer. „Für euch?“

„Nein, für unseren Vater“.

 

Und was machen die von der Leyens nun mit all dem Schnaps? Herr Bär stellt sich weiterhin vor, wie der alte von der Leyen zu Hause auf dem Sofa sitzt, mit wirren Haaren, unrasiert und im Unterhemd, und einen der Testkäufe nach dem anderen wegputzt. Ursula von der Leyen soll ja ein bisschen etepetete sein, und so entrüstet sie sich: „Heiko, du bist ja betrunken! Und wie du wieder aussiehst!“ Wenn sie dann auch noch eine abfällige Bemerkung über seine Schnapsfahne macht, kontert der alte von der Leyen gewitzt mit dem Zitieren eines Gedichts des berühmten rheinischen Dichters Johannes Theodor Kuhlemann:

 

„Genüsslich ist’s, nach Schnaps zu riechen, in einer Gesellschaft wo man das nicht darf“.

 

Wie Herrn Bär zu Ohren gekommen ist, soll Ursula von der Leyen ihre Idee, Kinder als Testkäufer einzusetzen, inzwischen wieder aufgegeben haben. Und wenn jetzt die Kinder der von der Leyens den Kiosk frequentieren, spielt sich folgender Dialog ab:

 

„Eine Flasche Limonade bitte!“

„Für euch?“

„Nein, für unseren Vater“.

„Warum trinkt euer Vater jetzt Limonade?“

„Unsere Mutter ist ein bisschen etepetete und sie mag nicht, wenn Vater dauernd nach Schnaps riecht. Deswegen muss er jetzt immer Limonade trinken“.

 

Wenn sich später mal die ersten Neurosen einstellen, beklagen sich die kleinen von der Leyens, sie hätten eine schwere Kindheit gehabt. Sie seien schon im zarten Alter ganz brutal gezwungen worden, als Testkäufer zu arbeiten. Aber sie durften ihre Einkäufe nie behalten, denn der rabiate Vater hätte ihnen zu Hause immer den Schnaps und sogar die Limonade weggesoffen. Nur wenn der Vater auf dem Sofa hundemüde eingepennt sei, unrasiert, mit wirren Haaren und im Unterhemd, dann hätten sie, die kleinen von der Leyens, sich heimlich ins Wohnzimmer geschlichen und die kargen Reste aus den Flaschen ausgetrunken. Und in diesem Moment ist Herr Bär ganz froh, dass ihm eine solche freudlose Kindheit erspart geblieben ist.

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Ausgabe Nr. 57

Montag, 8. Oktober 2007 10:23

Oh heilige Einfalt Auf dem Sofa anschnallen, „Tagesthemen“ einschalten. Bericht vom CSU-Parteitag – eine Sternstunde des politischen Karrierismus flimmert über den Bildschirm! Salzstangen bereitgestellt, weiteres Knabbergebäck, und als Herr Bär die erste Tüte Chips öffnet, gibt der frisch gewählte neue CSU-Vorsitzende Erwin Huber sein erstes Interview. Egal, was man ihn fragen würde: Huber hat sich als Antwort schon vorher einen Satz zu recht gelegt, in dem auf jeden Fall die Floskel „unsere bayerische Heimat“ vorkommen muss. Und man ahnt schon bei der ersten Antwort, was Gerhard Schröder wohl meinte, als er zum Abschied seinem einstigen Wahlkampfgegner Edmund Stoiber bescheinigte, er sei „Bundesliga“ gewesen, aber was nun nach ihm, Stoiber, in der CSU käme, das sei hingegen nur noch „Kreisklasse“.

Die Frage lautet, ob Huber denn im Unterschied zu seinem Vorgänger Stoiber bereit wäre, auch „Verantwortung in Berlin“ zu nehmen. Erwin Huber ist froh, einen Einblick in seinen politischen Horizont geben zu dürfen: Er fühle sich nicht nur „unserer bayerischen Heimat“ verpflichtet, sagt er, sondern auch „unserem deutschen Vaterland“. Erster Eindruck vom neuen CSU-Vorsitzenden: Huber stottert nicht wie Stoiber, aber er zernuschelt die Satzanfänge. Statt „aber was“ sagt er „am was“. Klingt phonetisch ein bisschen so, als ob er vor Freude über seine Wahl zum Vorsitzenden gerade eine Maß Bier auf ex heruntergekippt hätte.

Dann ist als nächster Interviewpartner der designierte neue Ministerpräsident Günther Beckstein dran, den man fragt, ob er die Politik von Edmund Stoiber fortsetzen werde, worauf Beckstein einigermaßen treuherzig antwortet, Stoiber könne man nicht kopieren, er werde daher eigene Akzente zu setzen versuchen. Manchmal ist man doch froh, dass in den „Tagesthemen“ solche Sendebeiträge nur 90 Sekunden dauern. War die Ära Stoiber mit dem visionären Gleichklang bei einer Utopie von „Laptop und Lederhose“ verbunden, so bleibt es bei Kreisklassen-Huber wohl allein bei der Lederhose. Nächster Eindruck von Herrn Bär: Trotz seiner doppeldeutigen Bemerkung über die Unmöglichkeit, Stoiber zu kopieren, was ein wenig wie ein vergiftetes Lob klang, versucht Günther Beckstein erst gar nicht, intellektuell und weltläufig zu wirken. Dass sie eines fernen Tages mal einen Beratervertrag bei der Gazprom angeboten bekommen, ist weder bei Huber noch bei Beckstein vorstellbar, bei Stoiber übrigens auch nicht, trotz der Schröderschen Weihe zum politischen Bundesligisten. Stattdessen darf Edmund Stoiber demnächst in Brüssel mithelfen, die EU zu entbürokratisieren, und Herr Bär ahnt, dass seine jetzigen Nachfolger in München Edi Stoiber eines Tages wohl auch bei diesem Job in Brüssel beerben wollen, weshalb Erwin Huber schon mal den Satz übt, er sei nicht nur bereit, in „unserer bayerischen Heimat“, sondern auch „in unserem europäischen Vaterland“ Verantwortung zu übernehmen.

Zu Wort meldete sich ebenfalls der Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, er habe sich als Schuljunge gerne für die Schwächeren geprügelt, wohl gemerkt: für die Schwächeren und nicht mit ihnen. Auf die Frage, was ihn denn sonst noch im Leben gereizt hätte, antwortete Mehdorn, der Vorstandsvorsitz bei Porsche. Wer jemals von stets verdreckten, überfüllten und unpünktlichen Zügen der Deutschen Bahn die Schnauze voll und sich daraufhin als Alternative einen Porsche zugelegt hatte, der zuckte bei diesem Statement erschaudernd zusammen und freute sich, dass man Hartmut Mehdorn diesen Job nicht angetragen hat. Wenn sie das karrieretechnische Verfallsdatum erreicht haben, werden Politiker von ihren Parteifreunden gerne in die EU oder in die freie Wirtschaft abgeschoben. Wenn er eines fernen Tages also doch nicht Stoiber um seinen Sitz in der Brüsseler Entbürokratisierungsexpertenrunde beerben kann, bleibt Erwin Huber immer noch die Alternative zu sagen, er sei auch bereit, „bei Porsche Verantwortung zu übernehmen“. Ob Erwin Huber einst auf dem Schulhof die Schwächeren verprügelt hat oder nicht, werden sie dann in der Personalabteilung zwecks Beurteilung des Huberschen „Durchsetzungsvermögens“ bestimmt wissen wollen. Vielleicht war genau das der springende Punkt, warum Mehdorn den Job bei Porsche nicht bekommen hat.

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Ausgabe Nr. 55/56

Mittwoch, 19. September 2007 14:37

Eine neue Marktlücke entdeckt hat der Betreiber eines Hundebedarfsladens auf der Dürener Str. in Köln-Lindenthal, der für die kalte Jahreszeit nicht nur Regendeckchen und Wollpullöverchen für Vierbeiner anbietet, sondern auch komplette Karnevalskostüme. Wie Herrn Bär zu Ohren kam, ist bei den Kunden derzeit das Piraten-Kostüm Favorit Nr. 1, wenn der jecke Fiffi auf der Prunksitzung mitschunkeln soll, während hingegen das Briefträger-Kostüm sich eigenartigerweise keiner großen Beliebtheit in Hundekreisen erfreut.
45 % aller SPD-Anhänger glauben, Peer Steinbrück sei in der CDU. Hm, hm… Oskar Lafontaine ist nicht mehr in der SPD, das zumindest ist sicher, und vom etwas unscheinbar-verhuscht wirkenden CDU-Generalsekretär Pofalla weiß man immerhin soviel, dass er Reinhold, Roland oder Reginhart mit Vornamen heißt, aber nicht Peer. Doch es sind noch mehr merkwürdige Verwechslungen zu notieren: Der in Sachen Geografie schon früher gelegentlich schwächelnde George Bush hat kürzlich bei einer Truppeninspektion im Irak die australischen Soldaten für Österreicher gehalten. Wahrscheinlich hört sich in den Ohren von George Bush Australisch so ähnlich an wie das Englisch, das Arnold Schwarzenegger spricht.
Wo es im Weltgeschehen dermaßen burlesk zugeht, durfte jüngst auch der US-Künstler Jon Kessler mit seinem Beitrag zur Ausstellung „New York – States of Mind“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine etwas infantile Weltsicht offenbaren. Auf ein Foto von George Bush hatte Kessler nämlich ein Bild des Eisbären „Knuddel Knut“ geklebt und dabei ein Attentat simuliert: Das Bild zeigt auf der Stirn des Tieres ein Blutrinnsal wie von einem Kopfschuss. Als Interpretationshilfe zum Verständnis seines Werks lieferte Kessler eine reichlich bizarr anmutende Gleichsetzung des Eisbären mit dem ermordeten John F. Kennedy: „Die Deutschen lieben Knut, so wie die Amerikaner Kennedy geliebt haben“. Wer schon immer ahnte, dass Computer-Suchmaschinen nicht intelligent sind, der findet den Beweis auf der Online-Seite des Berliner „Tagesspiegel“, wenn er unter „Berlin“ die Rubrik „Aktuelle Themen“ und dann das Stichwort „Knut“ anklickt: Zuerst kommt wie erwartet die Meldung „Knuddel-Knut wird neun Monate alt“ und dann an zweiter Stelle aus völlig unheiterem Himmel zum Stichwort „30 Jahre Deutscher Herbst“ ein Beitrag über das RAF-Mitglied Knut Folkerts – in diesem Kontext nicht minder obskur anmutend als das Anti-Knut-Kunstwerk von Jon Kessler. Warum man unterdessen in der kommenden Karnevalssession Hunde nicht als Eisbären kostümiert, ist einsichtig. Man müsste sich dann nämlich dumme Bemerkungen gefallen lassen, wie zum Beispiel jene: „Sagen Sie mal: Geht Ihr Hund etwa dieses Jahr als Wolf im Schafspelz?“

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