Beiträge vom Mai, 2007

Ausgabe Nr. 48

Dienstag, 1. Mai 2007 17:02

Dress-Code

Jahrelang flanierte Herr Bär über die Kunstmesse ART COLOGNE in Jeans, bequemem Pullover und einem frohen Lied auf den Lippen. Zweitklassige Künstlerdarsteller hingegen pflegen sich zu solchen Anlässen gehörig aufzubrezeln in der Hoffnung, mit modischer Schrillheit jene Aufmerksamkeit zu erregen, die eigentlich ihrer Kunst gelten möge, letzterer jedoch versagt bleibt. Um sich von dieser Bohème-Maskerade abzuheben, stecken die Galeristen ihre jungen Nachwuchskünstler (neudeutsch: Newcomer) heutzutage gerne in unscheinbare, aber teure Designeranzüge, in denen sie dann ein wenig wie ein Konfirmand wirken.

Doch ob ein Kunstsammler nun tatsächlich eine positive Kaufentscheidung trifft, hängt ja gemeinhin nicht von der textilen Gewandung des Künstlers ab, sondern davon, was auf seinen Bildern zu sehen ist. Jüngst flatterte Herrn Bär eine Einladung zur „After fair“-Party ins Haus, (neudeutsch: Party nach Messeschluss) und auf der Einladung war ausdrücklich vermerkt: „Dresscode: légère“ (neudeutsch: lässige Kleidung). Also ungefähr so, wie Herr Bär auch sonst herumläuft. Herr Bär wählte für jenen Abend als Party-Dress einen aparten Jogginganzug aus der aktuellen Frühjahrs-Linie von „Woolworth“, dazu gut eingetragene weiße Sommerschuhe von „Deichmann“. Auf diese Weise setzte Herr Bär einen neuen geschmackvollen Modetrend in der Kunstszene. Andere Szenegänger imitieren Herrn Bär schon, und zum Jogginganzug sieht man sie sogar eine Bierflasche in der Hand haltend, aber das findet Herr Bär ein wenig manieriert.

Einer dieser Nachwuchskünstler schaute angesichts des lässig gekleideten Herrn Bär ganz schön blöd aus der Wäsche, weil er ahnte, wie fehl am Platz er in seinem Konfirmandenanzug auf solch einer Kunstszenen-Party war. Schließlich wollte der Newcomer von Herrn Bär wissen, ob der Jogginganzug von Hugo Boss ist. „Nein, von Woolworth!“ - „Ah, Vivienne Woolworth? Ist das nicht diese Designerin aus London mit Lehrauftrag in Berlin?“ – „Nein, Woolworth ist ein Kaufhaus auf der Venloer Straße in Ehrenfeld und die Designerin heißt Vivienne Westwood“. Dabei versuchte Herr Bär einen Gesichtsausdruck hinzukriegen wie Clint Eastwood in dem Film, in dem Eastwood einen alternden Boxtrainer spielt und zu einem unbegabten jungen Sportler sagt: „Hör zu, Freundchen, hart zu sein allein genügt nicht“ (neudeutsch: tough is not enough).

Die Eastwood-Parodie wirkt aber nur, wenn man dazu ausgelatschte weiße Schuhe von „Deichmann“ trägt“, die einem das Fluidum verleihen, man sei unter Schrotthändlern groß geworden und kenne alle Tücken des Lebens. Herr Bär kannte man so einen, der total abgebrüht war alle Tücken des Lebens kannte. Er war Schankwirt in einer Kneipe auf der Venloer Str. in Köln-Ehrenfeld namens „Bei O.n.c.el.“, benannt nach einer Fernsehserie in den sechziger Jahren „Solo für O.n.c.e.l.“. Die Kneipe mit dem abgebrühten Wirt, der seine Gäste und ihre Zahlungsfähigkeit immer mit schnellen, durchdringenden Blicken taxierte, hieß in den achtziger Jahren auch noch so, also „Bei O.n.c.el.“

Man konnte hier mitunter ehemalige Fremdenlegionäre mit ledriger Gesichtshaut treffen und sich von ihnen höchst abenteuerliche Geschichten anhören. Die silbern schimmernden Aluminium-Quadrate als Fassadenverkleidung gibt’s heute noch. Nur hieß die Kneipe in den neunziger Jahren mal „Bar Tropical“ oder so ähnlich und war ein inzwischen eher übel beleumdetes Trinklokal, in welchem längst keine Fremdenlegionäre mehr verkehrten, auch der alte durchtriebene Schankwirt war verschwunden. Jetzt nahmen nur noch zauselige schnauzbärtige Jogginganzugbesitzer die Barhocker ein, die den ganzen Tag gelangweilt in ihre Biergläser starrten und nur so taten, als seien sie hart drauf. Heute heißt diese Kneipe – Halten Sie sich fest: „Hansi Bar“. Im Fenster hängt ein schon etwas ausgeblichenes Plakat mit dem Foto einer jungen Dame in einem luftigen Kleid vor einer dicken Gardine, und dieses Plakat könnte gut aus einer Reklameanzeige für Gardinenstoffe stammen, aber es dient dazu, Gäste in die „Hansi Bar“ zu locken.

Ein noch relativ unbekannter, zweitklassiger Schlagersänger ließ gegenüber der Boulevardpresse verlauten, in ihm lebe Roy Black weiter. Nun ja, es wäre jedenfalls zu ergänzen: in ihm, aber nicht in seiner Stimme.

Thema: Bär Aktuell | Kommentare (0)