Beiträge vom Juli, 2007

Ausgabe Nr. 52

Sonntag, 22. Juli 2007 16:55

Neulich beim Friseur

Der exaltierte Haarkünstler durchwühlt Herrn Bärs leicht ergrautes Gewölle und meint: „Hach, sagen Sie mal, waren Ihre Haare nicht früher mal dunkelblond?“ – Bevor Herr Bär mit grummelndem Tonfall darauf etwas antworten konnte, merkte der Barbier wohl, dass seine Bemerkung vielleicht doch etwas unpassend war, und so schob er mit diplomatischer Geste nach: „Hach, wissen Sie, andere in Ihrem Alter haben da schon eine Glatze!“ Und dann wendete er seine Einlassung noch ins Philosophische, indem er bekundete: „Ich sage immer: Et kütt wie et kütt! Dä ein kritt en Pläät, dä andere nit“. – „So ist es“, pflichtete Herr Bär ihm mit unerschütterlicher Gemütsruhe bei und ließ das Geschwätz des Friseurs über sich ergehen wie das matte Geplätscher eines Brunnens, den man nicht abstellen kann.
Anschließend gedachte Herr Bär sich eine neue Hose zu kaufen und stand in dem Bekleidungsgeschäft unschlüssig vor dem Regal. Größe 50 oder 52 ? Es näherte sich eine Verkäuferin, die mit fachlichem Blick Herrn Bärs Bauchansatz musterte: „Wir haben auch Zwischengrößen für den etwas kräftiger gebauten Herrn!“ Herr Bär wehrte ab: „Ich nehme immer Größe 50!“ Doch die Verkäuferin ließ sich nicht beirren uns sagte resolut: „Ich erlebe es hier oft, dass die Kunden beim Anprobieren den Bauch einziehen. Zwei Tage später kommen sie dann an und wollen die Hose wieder umtauschen, weil sie doch nicht passt. Also nehmen Sie lieber gleich Größe 25!“ Es erübrigte sich die Nachfrage, ob das etwa die Zwischengröße „für den etwas kräftiger gebauten Herrn“ sei, und dass Größe 25 bei Herrn Bär „wie angegossen“ passte, war dann doch etwas desillusionierend. Da nützt es auch nichts, wenn kölsche Marktfrauen einen mit „junger Mann“ anreden, weil man weiß, dass sie auch zu einem 80jährigen Rentner noch „junger Mann“ sagen, was als Inbegriff für rheinischen Charme gilt. Dass ältere Leute in der U-Bahn von den Jüngeren keinen Sitzplatz mehr angeboten bekommen, wurde indes schon in Herrn Bärs Jugend als Verfall der guten Sitten beklagt, hat aber insofern etwas für sich, dass man immerhin von der jüngeren Generation noch nicht für tatterig gehalten wird, wenn man es bauchumfangmäßig zu „Zwischengröße 25“ gebracht hat und seinen Friseur zu philosophischen Betrachtungen über die optischen Konsequenzen der Vergreisung ermuntert.

Witze, die man nie vergisst

Bärs Kalauer-Retrospektive In den frühen siebziger Jahren des 20. Jh. kam der Trend auf, Kneipen nicht einfach nur „Pils-Stübchen“ oder „Bei Jupp“ zu nennen, sondern ihnen möglichst originell klingende Namen zu geben. Manchmal benannte man Kneipen auch nach der Pointe eines Witzes: Wie heißt der chinesische Verkehrsminister? Antwort: Um-lei-tung. Genau so heißt noch heute eine Kneipe in Köln auf der Venloer Str., die mit diesem eher albernen als originellen Namen seit gut 37 Jahren jeglichem Wandel der Zeit trotzt und damit alle Epochen überlebt hat, als man Kneipen noch mit Flohmarkttrödel anfüllte (1977), oder im Stil unterkühlter American Bars einrichtete (1987), oder als mexikanische Tequila-Bude mit Neonskulpturen zurechtstilisierte (1997). Manchmal kommt auch noch im Jahre 2007 ein übermütiger Gast, Typ jovialer Handelsvertreter mit gelockerter Krawatte, ins „Um-lei-tung“ und sagt laut und dröhnend zur Thekenkraft: „Wissen Sie eigentlich, wie der chinesische Verkehrsminister heißt?“ Nichts ist für einen penetranten Witzeerzähler ärgerlicher, als ein Zuhörer, der ihm die Pointe versaut, indem er bekundet, den Witz schon zu kennen, und so antwortet die Thekenkraft „Um-lei-tung“, und dies mit einer tödlich ernsten Miene, damit der Witzeerzähler erst gar nicht auf die Idee kommt, nachzufragen, warum diese Kneipe wohl ausgerechnet so heißt. Der Witz mit dem chinesischen Verkehrsminister zählt gewiss nicht unbedingt zu solchen, die man immer wieder gerne hört.

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Ausgabe Nr. 51

Dienstag, 3. Juli 2007 16:55

Wenn das Leben zur Schmierenkomödie geraten ist

und man sich damit auch noch allzu sehr auf die Boulevardmedien und ihre Gepflogenheiten eingelassen hat, dann ist bisweilen auch das Ableben vor bizarren Begleiterscheinungen nicht sicher. So balgten sich im Falle des jüngst verblichenen Schauspielers Klaus-Jürgen Wussow die Berliner Pastoren darum, wer von ihnen wohl die Trauerrede halten dürfe: „Predigtverbot für Pfarrer Fliege!“ hatte es zunächst geheißen. Doch da Wussow sich als Musik zur Trauerfeier „nichts Ernstes“ gewünscht hatte und so seinen letzten Wunsch erfüllend ein Lied des Operetten-Schmalziers Rudolf Schock ertönte, erwies sich dann doch der TV-Pfarrer Fliege mit seiner Geübtheit, theologisch Tiefgründiges ins Seichte zu übersetzen, als der ideale Mediengeistliche, um anstatt der sonst üblichen Bibelstelle diesmal einen Liedtext von Rudolf Schock vor der Trauergemeinde zu interpretieren.

Gut getimt hatte just am Tag zuvor die BILD-Zeitung das erst jetzt veröffentlichte „Todesvideo“ vom Fallschirm-Absturz des Politikers Jürgen W. Möllemann ausführlich dokumentiert und damit ihr Publikum auf die erst noch kommende Wussow-Beerdigung eingestimmt. Obwohl „Mölli“ Sekunden vor dem Tod noch fröhlich oder vielleicht auch nur routiniert in die Kamera feixte, kam „BILD“ zu der Erkenntnis, der solchermaßen im Bild festgehaltene finale Absprung sei doch zweifellos „Selbstmord“ gewesen. Einstige Weggefährten und Gegner durften aus Anlass der Video-Veröffentlichung noch einmal ganzseitig ihre Nachrufe verbreiten, wobei der eine in der Sentenz gipfelte, „Mölli“ habe sich selbst im Weg gestanden, was Pfarrer Fliege aber auch über Klaus-Jürgen Wussow in seinen späten Jahren hätte sagen können, oder über Paris Hilton, bei der die Resozialisierung insofern einigermaßen geglückt zu sein scheint, als ihr nach dreiwöchigem Knastaufenthalt die Erkenntnis gedämmert sei, die Medien würden sich über sie doch nur lustig machen. Nun aber gedenke sie, so Hilton sinngemäß, alle Anstrengungen zu unternehmen, um vom medial arg strapazierten Image der reichen blonden Doofmaus wegzukommen, damit nicht auch noch das restliche Leben vollends zur Schmierenkomödie gerät, und wie das dann endet, konnte man ja gerade in der BILD-Zeitung an den Fallbeispielen Möllemann und Wussow ausführlich nachlesen. Ob indessen der Brauch, in der Trauerrede Pfarrer Fliege Liedtexte von Rudolf Schock interpretieren zu lassen, Nachahmer findet, bleibt im übrigen abzuwarten.

Kann man im Falle von Paris Hilton die These der Kriminalsoziologie als widerlegt betrachten, erst im Gefängnis entwickele sich manch einer zum richtigen Kriminellen, zumeist unter dem Einfluss übler Zellengenossen, so dürfte hingegen „Kölns dümmster Bankräuber“ (Express“) später nach seiner Haftentlassung erst recht auf die schiefe Bahn geraten im Willen, beim nächsten Mal aber endlich alles richtig zu machen. Besagter Bankräuber hatte nämlich dreisterweise gleich zweimal dieselbe Bankfiliale überfallen und beim zweiten Mal sein Antlitz so unvorsichtig in die Überwachungskamera gehalten, dass seine Ehefrau ihn auf dem Fahndungsfoto erkannte und aus allen Wolken fiel. Herr Bär stellt sich vor, wie brüllend komisch die Situation gewesen sein mag, als die irritierte Gattin daraufhin zur Polizei rannte: „Also, der auf dem Fahndungsfoto, das ist doch unser Willi! Sagen Sie mal, hat der wirklich eine Bank überfallen?“ Nun erklären ihm seine Zellengenossen, das alles wäre nicht passiert, wenn er in seiner grenzenlosen Blödheit die Beute nicht allein verbraten, sondern seiner Frau etwas davon fürs Haushaltsgeld abgegeben hätte. So aber haftet ihm nun die Schlagzeile „Kölns dümmster Bankräuber“ wie ein Stigma an, und man darf gespannt sein, was er später mal unternimmt, um vom Image der nur für ganz kurze Zeit mal reichen Doofmaus wegzukommen. Will er dann ernsthaft ein dubioses Milieu meiden, sollte er allerdings bloß nicht Radrennfahrer werden. Doch letztlich bleibt für Herrn Bär die Frage völlig offen, was man eigentlich davon hat, im Sinne Andy Warhols ein einziges Mal in seinem Leben für eine Viertelstunde berühmt zu sein?

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