Montag, 8. Oktober 2007 10:23
Oh heilige Einfalt Auf dem Sofa anschnallen, „Tagesthemen“ einschalten. Bericht vom CSU-Parteitag – eine Sternstunde des politischen Karrierismus flimmert über den Bildschirm! Salzstangen bereitgestellt, weiteres Knabbergebäck, und als Herr Bär die erste Tüte Chips öffnet, gibt der frisch gewählte neue CSU-Vorsitzende Erwin Huber sein erstes Interview. Egal, was man ihn fragen würde: Huber hat sich als Antwort schon vorher einen Satz zu recht gelegt, in dem auf jeden Fall die Floskel „unsere bayerische Heimat“ vorkommen muss. Und man ahnt schon bei der ersten Antwort, was Gerhard Schröder wohl meinte, als er zum Abschied seinem einstigen Wahlkampfgegner Edmund Stoiber bescheinigte, er sei „Bundesliga“ gewesen, aber was nun nach ihm, Stoiber, in der CSU käme, das sei hingegen nur noch „Kreisklasse“.
Die Frage lautet, ob Huber denn im Unterschied zu seinem Vorgänger Stoiber bereit wäre, auch „Verantwortung in Berlin“ zu nehmen. Erwin Huber ist froh, einen Einblick in seinen politischen Horizont geben zu dürfen: Er fühle sich nicht nur „unserer bayerischen Heimat“ verpflichtet, sagt er, sondern auch „unserem deutschen Vaterland“. Erster Eindruck vom neuen CSU-Vorsitzenden: Huber stottert nicht wie Stoiber, aber er zernuschelt die Satzanfänge. Statt „aber was“ sagt er „am was“. Klingt phonetisch ein bisschen so, als ob er vor Freude über seine Wahl zum Vorsitzenden gerade eine Maß Bier auf ex heruntergekippt hätte.
Dann ist als nächster Interviewpartner der designierte neue Ministerpräsident Günther Beckstein dran, den man fragt, ob er die Politik von Edmund Stoiber fortsetzen werde, worauf Beckstein einigermaßen treuherzig antwortet, Stoiber könne man nicht kopieren, er werde daher eigene Akzente zu setzen versuchen. Manchmal ist man doch froh, dass in den „Tagesthemen“ solche Sendebeiträge nur 90 Sekunden dauern. War die Ära Stoiber mit dem visionären Gleichklang bei einer Utopie von „Laptop und Lederhose“ verbunden, so bleibt es bei Kreisklassen-Huber wohl allein bei der Lederhose. Nächster Eindruck von Herrn Bär: Trotz seiner doppeldeutigen Bemerkung über die Unmöglichkeit, Stoiber zu kopieren, was ein wenig wie ein vergiftetes Lob klang, versucht Günther Beckstein erst gar nicht, intellektuell und weltläufig zu wirken. Dass sie eines fernen Tages mal einen Beratervertrag bei der Gazprom angeboten bekommen, ist weder bei Huber noch bei Beckstein vorstellbar, bei Stoiber übrigens auch nicht, trotz der Schröderschen Weihe zum politischen Bundesligisten. Stattdessen darf Edmund Stoiber demnächst in Brüssel mithelfen, die EU zu entbürokratisieren, und Herr Bär ahnt, dass seine jetzigen Nachfolger in München Edi Stoiber eines Tages wohl auch bei diesem Job in Brüssel beerben wollen, weshalb Erwin Huber schon mal den Satz übt, er sei nicht nur bereit, in „unserer bayerischen Heimat“, sondern auch „in unserem europäischen Vaterland“ Verantwortung zu übernehmen.
Zu Wort meldete sich ebenfalls der Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, er habe sich als Schuljunge gerne für die Schwächeren geprügelt, wohl gemerkt: für die Schwächeren und nicht mit ihnen. Auf die Frage, was ihn denn sonst noch im Leben gereizt hätte, antwortete Mehdorn, der Vorstandsvorsitz bei Porsche. Wer jemals von stets verdreckten, überfüllten und unpünktlichen Zügen der Deutschen Bahn die Schnauze voll und sich daraufhin als Alternative einen Porsche zugelegt hatte, der zuckte bei diesem Statement erschaudernd zusammen und freute sich, dass man Hartmut Mehdorn diesen Job nicht angetragen hat. Wenn sie das karrieretechnische Verfallsdatum erreicht haben, werden Politiker von ihren Parteifreunden gerne in die EU oder in die freie Wirtschaft abgeschoben. Wenn er eines fernen Tages also doch nicht Stoiber um seinen Sitz in der Brüsseler Entbürokratisierungsexpertenrunde beerben kann, bleibt Erwin Huber immer noch die Alternative zu sagen, er sei auch bereit, „bei Porsche Verantwortung zu übernehmen“. Ob Erwin Huber einst auf dem Schulhof die Schwächeren verprügelt hat oder nicht, werden sie dann in der Personalabteilung zwecks Beurteilung des Huberschen „Durchsetzungsvermögens“ bestimmt wissen wollen. Vielleicht war genau das der springende Punkt, warum Mehdorn den Job bei Porsche nicht bekommen hat.