Donnerstag, 20. Dezember 2007 13:06
Verarmungsängste und sprachliche Fehlleistungen
Verarmungsängste ließ Deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn durchscheinen, und zwar mit seiner Antwort auf die Frage, ob die deutschen Manager zu viel verdienten. Mehdorn bejahte die Frage nämlich keineswegs, sondern er quittierte sie einigermaßen störrisch und mit dem in seinen Kreisen üblichen Gejammer, er jedenfalls bekäme drei Viertel seines Gehaltes nur erfolgsorientiert ausgehändigt. Würde der DB-Aufsichtsrat aber tatsächlich jedes Mal, wenn in den Bahnhöfen eine Rolltreppe defekt ist, der Aufzug zum Bahnsteig nach schalem Bier oder Urin stinkt, und außerdem die Züge Verspätung haben (Standardausrede: „Wegen einer Betriebstörung“) dem verantwortlichen Ober-Boss Hartmut Mehdorn gnadenlos bei jeder Panne 100 Euro von seinem Gehalt abziehen, dann könnte der sich wahrscheinlich kein warmes Mittagessen mehr leisten und würde stattdessen bei der Bahnhofsmission um einen Teller Suppe anstehen müssen. Oder er würde nach Feierabend auf irgendwelchen Senioren-Butterfahrten den Insassen eines Ausflugsbusses Heizdecken aufzuschwatzen versuchen. Aber Hand aufs Herz, wer würde Hartmut Mehdorn schon eine Heizdecke abkaufen? „Die funktioniert bestimmt genauso wenig wie die Rolltreppen auf Ihren Bahnhöfen!“ bekäme er dann nämlich zu hören, oder vornehm ausgedrückt: Auch Mehdorns Heizdecken unterstellte man dann eine „Betriebsstörung“.
Einem Marketing-Deppen kam der bizarre Einfall, die „Zielgruppe“ der knapp über Fünfzigjährigen neuerdings als „junge Senioren“ bezeichnen zu müssen, weil das eben (noch) nicht nach „Heizdecken-Generation“ klingt, sich aber dennoch reichlich bekloppt anhört, ebenso wie die sprachliche Beschönigung des Wortes „Unterschicht“ durch die gleichbedeutende Vokabel „Prekariat, was allerdings manche Politiker schon zu dem fatalen Irrglauben verleitete, in Deutschland gäbe es gar keine „Unterschicht“, sondern nur ein „Prekariat“.
Herr Bär trauert derweil dem unnachahmlichen Edmund Stoiber nach, denn in höchstem Maße irrlichternd war doch dessen Erklärungsversuch zum Sinn der geplanten Transrapid-Verbindung vom Münchener Hauptbahnhof zum Flughafen, der hier noch mal im O-Ton ungekürzt zitiert wird: „Wenn Sie vom Flug, vom Hauptbahnhof starten. Sie steigen in den Hauptbahnhof ein. Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen. Dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München.“ Irgendwie ist es doch schade, dass der Mann jetzt weg vom Fenster ist, denn sein Nachfolger Günter Beckstein fiel bislang nur durch den Versuch auf, handfesten Realitätssinn zu demonstrieren: Schon bevor er in die Politik gegangen sei, habe er, Beckstein, gewusst, dass man dort nicht reich werden könne, was sich freilich ein bisschen masochistisch anhörte, so dass Herr Bär nun bangt, auch Günter Beckstein fände sich womöglich demnächst zur Suppenausgabe bei der Bahnhofsmission ein, oder er müsse ebenfalls nebenher Heizdecken an „junge Senioren“ verkaufen, um mit seinem kargen Gehalt als bayerischer Ministerpräsident einigermaßen über die Runden zu kommen.
Da hat es Boris Becker schon besser, der von Event-Agenturen als VIP der Kategorie „A“ geführt wird und daher beim Münchener Oktoberfest im Zelt von „Feinkost Käfer“ am Promi-Stammtisch Platz nehmen darf, gleichwohl gerade dort einem TV-Reporter verriet, jeden Abend würde er sich das nicht antun wollen, während Hartmut Mehdorn das Münchner Oktoberfest wohl vor allem deswegen meidet, weil man ihn sonst ausgerechnet dort andauernd fragen würde: „Sagen Sie mal, wieso riecht es in den Aufzügen zu Ihren Bahnhöfen eigentlich immer so nach schalem verschütteten Bier?“ Im Vergleich zum Gegröle auf dem Oktoberfest ist die Bahnhofsmission zwar ein ruhigerer Ort, aber auch dort wäre Mehdorn beim Suppelöffeln vor kritischen Fragen nicht sicher, weshalb man eigentlich annehmen müsste, er würde alle Anstrengungen unternehmen, den erfolgsorientierten Teil seines Gehaltes in voller Höhe ausbezahlt zu bekommen. Herr Bär jedenfalls beantwortet die Frage, ob deutsche Manager zu viel verdienen, uneingeschränkt mit „Ja“.