ART COLOGNE: Am Nagel aufgehangen

7. November 2007

Selbstmord einer Kunstmesse

Eigentlich wäre Anfang November wieder der Zeitpunkt gewesen, zu dem die altehrwürdige Art Cologne ihre Pforten schließt und mit neuen Besucherrekorden aufwartet. Stattdessen ist es eine Kunstmesse der zweiten Liga, die in diesem Herbst in den Kölner Messehallen zu Ende ging.

Doch nicht diese bis dato frühjährliche „Cologne Fine Art“, die mit der Art Cologne nun den Termin tauschte, war allgemeines Thema, sondern ein „Offener Brief“ der Urheber des desaströsen Messe-Zeitenwechsels: ein paar messemeuchelnde Kölner Galeristen, die zusammen mit Messe-Direktor Gérard Goodrow für die Beschädigung des Messestandortes Köln verantwortlich zeichnen. Fazit dieses „Offenen Briefes“: die Ankündigung der Nichtteilnahme, sollten nicht bestimmte Forderungen von der Art Cologne erfüllt werden.

Wir alle, die Beobachter der aktuellen Kunstszene, werden so gegenwärtig Augenzeugen der Selbstdemontage einer Kunstmesse.

Noch immer bezeichnet sich die Art Cologne selbst zwar als „die bedeutendste Kunstmesse Deutschlands“ – wohlgemerkt: inzwischen aus Selbstbescheidung und Selbsterkenntnis nur Deutschlands! – jedoch diese Messe, die sich auch gern als die „Mutter aller Kunstmessen“ tituliert, ist schwer angeschlagen und ihre Zukunft ungewisser denn je.

Der Grund für das Desaster: selbst errichtete Hürden, über die gestolpert, und selbst gegrabene Gruben, in die hineingefallen wird.

Gegen den Rat aller seriösen Fachkenner der Messe- und Kunstszene hat sich die Art Cologne von ihrem angestammten Termin im Herbst verabschiedet und findet seit 2007 jeweils im Frühling statt. Damit ist der künstlerische Direktor Gérard Goodrow fast sklavisch und aus Mangel eigener kreativer Projektentwicklung einer Forderung nachgekommen, die insbesondere vom Galeristen Christian Nagel und einiger weiterer „Co“-Galeristen und -Innen aufgestellt wurde, die der Ansicht waren, Frühling sei besser als Herbst, weil inzwischen so viele andere Kunstmessen ebenfalls den Herbsttermin für sich gewählt hätten.

Gemeint war aber – insbesondere von Nagel -, dass es für eine Galerie, die sowohl in Berlin als auch in Köln präsent ist, einfach zeitorganisatorisch besser ist, wenn nicht fast gleichzeitig in beiden Städten Kunstmessen stattfinden. Gegen Berlin kam Nagel nicht an, das war ihm schon klar, außerdem war er ja seinerzeit (1995) Mitbegründer des Art Forums Berlin, also der Konkurrenzmesse an der Spree mit Herbsttermin. Köln hingegen war jedoch längst im Begriff, sich kunstpolitisch von Nagel zunächst weich klopfen und dann festnageln zu lassen. Der renommierte Kölnische Kunstverein, der in seiner Nachkriegsgeschichte von so exzellenten Köpfen wie Wulf Herzogenrath und Udo Kittelmann geleitet wurde und Furore gemacht hatte, war das erste Angriffsziel der feindlichen kunstpolitischen Übernahme durch Christian Nagel. Seine beiden Galerie-Assistentinnen Anja Nathan-Dorn und Kathrin Jentjens puschte er als im Grunde überforderte Direktorinnen an die Spitze dieser Institution und gewann dadurch als kommerzieller Galerist entsprechenden Einfluß im nichtkommerziellen Kunstbetrieb der Domstadt, aber auch darüber hinaus.

Gleichzeitig mit diesem Coup sah Galerist Nagel, was alle sahen: dass die Art Cologne dabei war, ihre uneingeschränkte Dominanz in Deutschland aufzugeben und auch international an Bedeutung zu verlieren. Die Zeichen der Zeit, die Event-Kultur, nicht erkennend, und die Global-Player des Kunstmarktes nicht genügend hofierend, hat die Kölner Kunstmesse es nämlich versäumt, eine notwendige Modernisierung des Auftritts und qualitative Innovation in die Wege zu leiten und ist stattdessen in der Selbstüberschätzung der eigenen Einmaligkeit verharrt.

Art-Cologne-Chef Gérard Goodrow folgte leichtsinnig dem Nagelschen Vorschlag zur Terminverschiebung aufs Frühjahr in Dankbarkeit, konnte er doch damit vermeintliche Handlungskompetenz und Führungskraft gegenüber einer zunehmenden Kritikerschar unter Beweis stellen.

Was Goodrow mit der Flucht vor der Messe-Konkurrenz im Herbst in Wahrheit erreichte, war die Zurschaustellung der eigenen Schwäche. Allen Beobachtern, Sammlern und Akteuren auf dem Kunstmarkt wird das bemerkenswerte Schauspiel einer Laienschar vorgeführt, die sich nicht mehr getraut, im Haifischbecken zurück zu beissen, sondern die eher das Becken verlässt, um auf dem sicheren Land dann nach Sauerstoff zu japsen.

Statt der Kunstwelt so das Ergreifen des Hasenpaniers auf gut kölsch zu vermitteln, wäre es vonnöten gewesen, die Art Cologne zu revitalisieren, sich als uneingeschränkte Herrscherin des Herbstes zu präsentieren.

Dazu wären natürlich entscheidende Einschnitte und Änderungen des Messekonzepts erforderlich gewesen. So fragten sich zum Beispiel schon seit Jahren verwunderte Messebesucher, was die „Freunde und Förderer der Kölner Artothek“ auf einer Kunstmesse zu suchen haben. Auch Stände des Frauenmuseums, der Kunstvereine von Köln und Düsseldorf sowie der Michael-Stich-Stiftung und ähnlicher Institutionen sind einfach nur deplatziert. Eine Messekoje des Museums Kolumba ist ebenso entbehrlich, wie vakante Messestände, wie sie zu Hauf im Frühjahr 2007 anzutreffen waren. Die beachtliche „Skulpturenshow“ wurde einem, aktuelle Positionen nur unzureichend vertretenden, „Open Space“ geopfert, statt sie spannungsgeladen entgegen zu setzen.

Die Art Cologne verflacht somit zusehends. Wo seinerzeit – noch im „tristen Herbst“ - mit der fast „sagenhaften“ Halle 5 der Kunstmarkt in Köln boomte und sich lebendig und lebensfroh darstellte, findet nun im „blühenden Frühling“ der Abgesang einer Messe statt, die – statt auf den Putz zu hauen – sich in der Beliebigkeit ebenso wie in Fantasielosigkeit verkriecht.

Es geht bei einem wirkungsvollen Konzept für die Art Cologne schon gar nicht um „klein aber fein“, wie dies nun gerade dieser Tage im Herbst wieder der „Jack in the Box“-Protagonist Nagel fordert, der seinerseits jetzt auch verblüffenderweise Gérard Goodrow als „überfordert“ kennzeichnet, offenbar weil dieser in verspäteter Erkenntnis seines „Fehltritts“ zu weiteren Selbstverstümmelungsaktionen nicht mehr zur Verfügung steht.

Will die Art Cologne wirklich wieder an die Spitze der deutschen Kunstmessen gelangen, muß Köln zunächst beweisen, wie wichtig diese Institution der Stadt wirklich ist. Die fünf Tage, an denen die Art Cologne stattfindet, müssen im Zeichen der Kunst stehen. Da gilt es dann, dass sowohl das Bild der Stadt von dem Event geprägt ist, als auch, dass alle anderen Kultur- und Kunsteinrichtungen in der Domstadt dem Ereignis „dienen“. Die Museen und Kunstorte der rheinischen Metropole können dann den Besuchern aus aller Welt beweisen, wie in Köln in punkto Kunst der Bär brummt. Übrigens hat vor fast zwanzig Jahren schon der damalige Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Galeristen (BVDG), Gerhard Reinz, mit dem Blogautor genau dieses Konzept in einem Gespräch visionär entwickelt.

Seitdem sind viele Herbste, ein Goodrow und ein Nagel über die Messe gezogen, und eine große Zahl namhafter Galerien sind inzwischen weggezogen oder ganz fort geblieben. Selbst der WDR, der Kölner Mediengigant, hat seine Fernsehreportage mit dem bemerkenswerten Titel „Kunst, Kommerz und Klüngel“ so gut wie eingestellt und für RTL, das in Kürze die ehemaligen Rheinhallen der Messe als neues Domizil besetzen wird, ist die Art Cologne höchstens eine Sendeminute wert.

Das Überlebenskonzept benötigt Kooperation und Kreativität, und dann schließlich den Mut, den angestammten Herbsttermin aufs Neue wieder zu besetzen; dies sollte bis Herbst 2010 möglich sein, dem Jahr also, in dem Essen – statt der um diese Ehre vergebens mitbewerbenden Kunststadt Köln - europäische Kulturhauptstadt sein wird.

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Ein Kommentar zu “ART COLOGNE: Am Nagel aufgehangen”

  1. 01

    Dann kann man nur hoffen und Daumen drücken, dass sich Kooperationen und Investoren finden. Wäre doch toll, wenn bis 2010 wirklich die Kunst in Essen zurückkommt.

    Monet am 29. Juli 2008 um 18:00
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